Mrz 31 2009

Notizen für eine gute Veranstaltung

Published by at 21:00 under Allgemein

Ich sitze gerade im Zug auf der Rückfahrt von der Marketing 2.0 Conference in Paris – und lasse die letzten Tage noch einmal Revue passieren. Bemüht man Twitter und Google BlogSearch ist festzustellen, dass es sehr geteilte Meinungen über die Konferenz gibt. Und das spiegelt auch meine Gefühle zur Veranstaltung wider. Ich will hier niemanden anschwärzen, denn ich weiss nur gut, wie schwer es ist, gute und interessante Konferenz auf die Beine zu stellen. Aber ich will hier kurz meine Rückschlüsse für eine gute Konferenz aus meiner Sicht festhalten (insbesondere als Notiz für mich selbst!).

Der Umkehrschluss der folgenden Todo-Liste ist nicht unbedingt als Problem der Marketing 2.0 Conference zu sehen, sondern ist für mich ein Konglomerat aus verschiedenen “Bad Practices”, die mir in den letzten Jahren so untergekommen sind und die ich auch selbst begangen habe:

  • Das Konzept einer Konferenz ist davon abhängig, wen sie adressiert. Ich unterscheide für meinen Bereich der Marketing- und Technologiekonferenzen drei Besuchergruppen mit unterschiedlichen Erwartungen, Intentionen und :
    1. Wissens-Avangarde: die Wissens-Avantgarde sind die Visionäre, die sich früh mit neue Themen beschäftigen, anfangs sogar von der eigenen Anwendung bzw. Umsetzung von Ideen zehren und ständig auf der Suche nach dem Erhalt bzw. Ausbau des eigenen “Wissensvorsprung” sind. Sie sind die frühen “Wissensträger”, sendungsbewusst und möchten gerne evangelisieren. Ihr Interesse an Konferenzen liegt zu einem auf dem Austausch von visionären Ideen als dann aber auch auf dem Networking mit Ihresgleichen.
    2. Unternehmensvertreter: die Unternehmensvertreter kommen zumeist (bzw. jetzt in der Krise IMHO nur noch) auf Konferenzen, wenn die Konferenz ein Versprechen für die Lösung eines Problems aus ihrem Projektalltag bietet. Sprich sie interessiert die “Wissensvermittlung” bzw. konkrete “Problemlösung” von “State-of-the-Art”-Problemen. Sie möchten es gerne “konkret” und auf den Punkt haben. Listen mit Lösungsvorschlägen und Erfahrungswerten aus anderen Projekten ist IMHO das Präsentationsformat, was sie suchen. Networking ist IMHO zweitrangig – aber wenn angeboten auch gerne angenommen. Die Qualität für das Networking wird an der Dichte von Ihresgleichen bewertet.
    3. Dienstleister: die Dienstleister sind – wenn sie nicht zu der Gruppe der Avantgarde gehören – die “Wissensvermittler”, die die Visionen der Avantgarde auf die Problemlösung der Unternehmensvertreter runterbrechen und vermitteln. Dementsprechend suchen sie die “greifbare” und “anwendbare” Vision. Networking ist für sie wichtig, weil zumeist auch als Vertriebsaktivität gesehen und aktiv “mißbraucht”. Sprich sie wollen weniger mit Ihresgleichen sondern mit Unternehmensvertreter sprechen.
  • Eine gute Konferenz hat sich die Frage gestellt, wer von den oben genannten Gruppen soll im Hauptfokus stehen – danach sollte dann die Konferenz in Bezug auf den Inhalt und das Networking ausgerichtet sein.
    • Bei Kongress Media fokussieren wir uns z.B. im wesentlichen auf Unternehmensvertreter und da ist es wichtig, dass ein Gesamtbild und eine Gesamtaussage zu einer Problemstellung am Ende des Tages getroffen wird. Networking ist gut und wichtig, aber ist nicht Hauptbestandteil der Konferenz. Das Wissen muss in gut verdaubaren Häppchen präsentiert werden – eine Hierarchie zwischen Referenten und Teilnehmern wird als natürlicher Zustand zwischen Wissenden und Lernenden verstanden. Diskussionen rund um Referate müssen aktiv durch den Moderator unterstützt werden.
    • Die reboot in Dänemark ist da ganz anders gestrickt – da sie sich als “Gathering” der Wissens-Avantgarde versteht. Hier ist der Wissensaustausch auf sehr abstrakten Niveau, packende Reden und Präsentation sind wichtig und das Networking ist zentraler Bestandteil der Veranstaltung. Die Hierarchie zwischen Speakern und Referenten ist wie auf Barcamps zumeist aufgebrochen.
    • Die next liegt für mich (überzogen) auf der dritten Dimension. Hier wird die Wissens-Avantgarde für die Weitergabe ihres Wissens an die Branche geholt (dies ist nicht als Deskreditierung zu verstehen!). Die Veranstaltung soll eine Leuchtturm-Funktion für die Branche und die dahinterstehende Problemlösung darstellen. Sprich das Wissen ist nicht mehr die ganz visionäre Idee, sondern die für das Projekt anwendbare Information. Wissensvermittlung und Networking haben eine nahezu gleichrangige Bedeutungen für die Veranstaltung und ihre Teilnehmer.
  • Eine gute Konferenz ist als Kunstwerk zu verstehen. Eine planlose Ananderreihung von Programmpunkten führt zu nichts. Der Ablauf der Veranstaltung muss für den Teilnehmer nachvollziehbar sein, damit er sich auf die einzelnen Programmpunkte einlassen kann. Dies wird umso wichtiger wie der Teilnehmer eine klaren Nutzengewinnung aus der Veranstaltung anstrebt. So ist es für die Wissens-Avantgarde weniger wichtig, ob nun Vortrag A nach B kommt oder anders herum – wenn es gerade einen Programmpunkt gibt, der nicht interessiert, gibt es ja immer noch das Networking. Dienstleister und Unternehmensvertreter sind da schon inhaltegetriebener. Ablaufänderungen werden als unkoordiniert und durcheinander wahrgenommen. Das Networking wird hier nicht unbedingt als gleichwertige Alternative, sondern i(nsbesondere bei den Dienstleistern) als geplanter Akt zwischen der WIssensaufnahme verstanden. Dafür muss dann Raum vorgesehen werden. Bzgl. der Inhalte muss es insbesondere bei den Unternehmensentscheidern eine nachvollziehbare Struktur geben.
  • Je konkreter die Aussage für eine Veranstaltung sein soll, je besser müssen die Vorträge aufeinander abgestimmt und die Referenten gebrieft werden. Denn inhaltliche Wiederholungen oder Abschweifungen werden in diesem Fall sehr negativ bewertet, während es bei Veranstaltungen wie der reboot als positives Zeichen der Differentialität verstanden wird. Je enger das inhaltliche Korsett für die Veranstaltung gestrickt ist, je wicthiger wird auch das Briefing der Referenten – damit sie im strengsten Fall direkt auf den Punkt kommen.
  • Steht das Networking im Vordergrund, sind die räumlichen Gegebenheiten sehr wichtig. Universitätsgebäude sind für die Wissensvermittlung konzipiert – “steiffe” (bzw. antike) Hotels ebenfalls. Beide sind für Networking nicht wirklich geeignet. Eine räumliche Trennung von Wissensvermittlungsort und Networking-Ort ist auch wichtig.
  • Je stärker die Veranstaltung auf die Avantgarde ausgerichtet ist, je wichtiger ist die Anbindung der Veranstaltung an die elektronische / virtuelle Welt. Bei der reboot und der next geht es um die reale und virtuelle Vernetzung der Community. Unternehmensvertreter dagegen sind auf die virtuelle Berichterstattung gar nicht so erpicht – sie wollen vielmehr das die Inhalte im “Raum” bleiben und öffnen sich auch erst für die Diskussion, wenn dies der Fall ist. Sprich Twitter-Wall und LIve-Stream sind hier nicht so angesagt und bei der ersten Ausrichtung wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Veranstaltung.

Soweit mal meine Gedanken für heute – wie gesagt, ist mir einiges aufgrund des Ablaufes der Marketing 2.0 Conference klarer geworden – aber die Punkte beziehen sich nicht alle auf die Veranstaltung.

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3 responses so far

3 Responses to “Notizen für eine gute Veranstaltung”

  1. bn_at_twitteron 31 Mrz 2009 at 21:19

    New blog post: Notizen für eine gute Veranstaltung http://tinyurl.com/csc5v6

    This comment was originally posted on Twitter

  2. KMTOon 31 Mrz 2009 at 22:47
    Sehr spannend, sehr inspirierend im Sinne von vorstellbar / bildhaft. Alles zusammen klingt hingegen auch sehr klassisch, aber vielleicht wird sich so etwas niemals ändern oder nur langsam.
    Ich erlebe es z.B. immer stärker – auch im Mittelstand – daß Wissensvermittler mehr gesucht sind, als Dienstleister, bzw. das sind die gesuchten, neuen Dienstleister. Sie müssen beides beherrschen, Vision und Umsetzung. An dieser Stelle nimmt die “Klassik” deutlich ab.

    Das Thema “Offenheit von Informationen” sehe ich allerdings genauso. Bei aller Liebe zu offener Information, Unternehmen leben allzusehr genau vom Gegenteil.

    Wie gesagt, spannend, weil zum Nachdenken anregend.

  3. bnon 01 Apr 2009 at 07:36
    Hallo Michael – eine “klassische” Konferenz ist halt “klassisch” … sie sind damit von der Qualität auch “steuerbar” – bei offenen Formate kommt IMHO noch eine andere Dimension ins Spiel. Sprich wie “sendungsbewusst” sind die Wissensträger und ob überhaupt die “Sendungsbewussten” vor Ort sind. Grüsse. Bjoern

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